Ölhefen als Plattformtechnologie: CO2‑basierte Lipide und Biomasse für Materialien und Food

Das Fraunhofer IGB am Standort Straubing entwickelt Ölhefen als flexible Plattform zur Fermentation CO2‑basierter Chemikalien in nachhaltige Lipide. Eine industrietaugliche Prozessführung und skalierbare Aufarbeitungsroutinen schaffen die Voraussetzungen für reproduzierbare Qualitäten und definierte Fettsäureprofile für vielfältige Anwendungen in Kosmetik, Chemie und der Lebensmittelindustrie.

Lipide und Lipidgemische für vielfältige industrielle Anwendungen

Fette und Öle werden in Kosmetika, Reinigungsmitteln und in der Lebensmittelindustrie benötigt, sei es als Trägerstoffe und Emollients oder als Emulgatoren und Geschmacksstoffe. Ihre Gewinnung erfolgt meist durch mechanisches Pressen oder Lösungsmittelextraktion aus pflanzlichen (z. B. Soja, Raps, Ölpalme) und tierischen Quellen.

Nachhaltige Alternative: Biotechnologische Herstellung 

Unternehmen brauchen heute flächen‑ und wetterunabhängige Lipidquellen, die sich planbar und mit deutlich verkleinertem CO‑Fußabdruck produzieren lassen. Biotechnologisch mittels Fermentation hergestellte Lipide bieten eine Alternative: Sie erlauben kontrollierte Fettsäurezusammensetzungen, sind unabhängig von landwirtschaftlichen Prozessen herstellbar und verringern den ökologischen Fußabdruck sowie die Abhängigkeit von tierischen oder pflanzlichen Rohstoffen.

Unser Lösungsansatz: Ölhefe-Plattform zur Herstellung maßgeschneiderter Lipidgemische

Besonders nachhaltig wird die Produktion von industriell einsetzbaren Lipiden, wenn Reststoffe oder CO‑basierte Zwischenprodukte wie Ethanol, Formiat oder Methanol über Fermentation in maßgeschneiderte Lipidgemische überführt werden. Doch zwischen Laborerfolg und industrieller Anwendbarkeit klaffen häufig Lücken (»Valley of death«): Für die Übertragung eines entwickelten Laborprozesses müssen eine robustes Scale‑up, konstante Produktqualität, ein effizientes Downstream Processing und belastbare Kostenstrukturen nachgewiesen sein.

 

Fermentation mit CO2-basierten C1-Substraten oder Reststoffen – mit skalierbaren Prozessen und reproduzierbaren Qualitäten

Genau hier setzt unsere Ölhefen-Plattform an. Am Standort Straubing des Fraunhofer IGB entwickeln wir Ölhefen als flexible Plattform zur Fermentation CO₂‑basierter Chemikalien in nachhaltige Lipide. Zum Einsatz kommen verschiedene Hefen wie Yarrowia sp. , die sowohl auf CO₂‑basierten Substraten als auch auf Reststoffströmen skaliert werden können und deren Fettsäureprofile über Prozessparameter steuerbar sind (Non-GMO).

Im Zentrum stehen eine industrietaugliche Prozessführung (u. a. Medien‑ und Fütterungsdesign, pH/DO‑Regime, robuste Online/Offline‑Analytik) sowie skalierbare Aufarbeitungsroutinen (Zellaufschluss, Extraktion mit geeigneten, möglichst »grünen« Lösemitteln, Destillation) für reproduzierbare Qualitäten und definierte Fettsäureprofile.

Etablierte und in Entwicklung befindliche Prozessrouten

CO‑basiertes Ethanol

Für C2-CCU‑Zwischenprodukte wie Ethanol liegt ein vollständig ausgearbeiteter Fermentationsweg vor, von der Parameter‑Optimierung bis zur Pilotierung im 1 -m³- und 10-m³-Maßstab inklusive Downstream Processing und Bereitstellung größerer Mustermengen für Anwendungstests. Diese Linie dient als industrieller Referenzpfad für CO-basierte Lipide.

 

Formiat aus elektrochemischer CO‑Reduktion

In einer stromgekoppelten Route verbinden wir Elektrochemie mit Fermentation. Formiat  fungiert hier als C‑ und Energiequelle; wir adressieren v.  a. pH‑/Pufferfenster, tolerierbare Stromprofile und integrierte Mess‑/Regelstrategien in Prototyp‑Setups, um die elektro‑biologische Kopplung entlang industrieller Anforderungen zu entwickeln.

 

Methanol (synthetische Methylotrophie)

Für C1‑Feedstocks wie Methanol erarbeiten wir eine technologische Roadmap auf Basis synthetischer Methylotrophie (z. B. XuMP/RuMP‑Module, peroxisomale Kompartimentierung, adaptive Evolution). Ziel ist es, Hefen schrittweise an methanolische Substrate zu koppeln und so eine zukünftige CO‑basierte Wertschöpfung in Richtung Lipide zu eröffnen.

 

Single-Cell Protein für ergänzende Demonstratoren

Die direkte Nutzung lipidreicher Hefebiomasse ist möglich in Food‑Prototypen (extrusionsbasiert) sowie biobasierten Filmen/Beschichtungen (papierbasierte Barrieren).  

Vorteile: Lipide und proteinreiche Biomasse zugleich

Unsere Ölhefen-Plattform verbindet die Fermentation CO₂‑basierter Chemikalien zu anwendungsreifen Lipiden mit der Fähigkeit, aus derselben Biomasse biobasierte, kompostierbare Folien und papierbasierte Beschichtungen sowie nachhaltige Proteinfraktionen bereitzustellen. So entstehen aus einem Organismus Lipide für Kosmetik und Tenside mit steuerbaren Fettsäureprofilen, während die protein‑ und polysaccharidreiche Zellmatrix zu Filmen und Beschichtungen verarbeitet werden kann und zugleich als wertvolle Proteinquelle für Food‑Konzepte dient.

Anwendungen und Einsatzgebiete der Ölhefe-Plattform

Die fermentativ erzeugten Lipidgemische adressieren vor allem Kosmetik‑ und Home/Personal‑Care‑Märkte sowie die Kunststoffindustrie (als Weichmacher‑/Hydrophobierungs-Reagenzien). Die Biomasse kann zudem zu kompostierbaren Filmen/ Beschichtungen für papierbasierte Verpackungen aufbereitet und extrusionsbasiert für Food‑Prototypen mit charakteristischen Sensorikprofilen eingesetzt werden.

Home-/Personal Care

Schema zur biotechnologischen Umwandlung von CO2 in palmölfreies Fett
Zweistufige biotechnologische Umwandlung von CO2 in palmölfreies Fett

Die fermentativ erzeugten Lipidgemische adressieren Kosmetik‑ und Home/Personal‑Care‑Märkte, beispielsweise als Emollientia oder nach Verseifung als Tenside.

Referenz: Palmölersatz für Mibelle Group

Ein aktuelles Beispiel ist die Entwicklung einer palmölähnlichen Fettmischung für die Mibelle Group, um Palmöl in Kosmetika zu ersetzen: In Zusammenarbeit von Mibelle Group, LanzaTech und Fraunhofer IGB wird durch die Kombination zweier aufeinanderfolgender Fermentationsprozesse das Treibhausgas CO2 zu einer palmölfreien Fettmischung umgewandelt. 

Im ersten Schritt wird CO2 mithilfe des von LanzaTech entwickelten Gasfermentationsprozesses biotechnologisch zu Alkohol umgewandelt. Im zweiten Fermentationsverfahren, das maßgeblich vom Fraunhofer IGB entwickelt wurde, wird der aus CO2 hergestellte Alkohol von spezialisierten Ölhefen in die gewünschten Fette umgewandelt. Bei beiden Fermentationen werden nur natürlich vorkommende und nicht genveränderte Mikroorganismen eingesetzt. Derzeit wird der Prozess in den Pilotanlagen am Fraunhofer CBP skaliert, um erste Produktmuster im Kilogramm-Maßstab herzustellen.

Single Cell Protein (SCP) für Food und Feed

Fermentative Herstellung von Single Cell Protein (SCP)

Fermentativ hergestellte proteinreiche Biomasse aus Hefen (Single Cell Protein, SCP) gilt als nachhaltige Alternative zu Soja oder Fischmehl für Tierfutter, kann aber auch zur Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln, Molke-Ersatzprodukten oder Proteinersatzprodukten in der Lebensmittelindustrie eingesetzt werden. 

Extrusionsbasierte Food-Prototypen mit charakteristischen Sensorikprofilen

Alternativ zur klassischen Proteinisolierung kann die fermentativ gewonnene Biomasse direkt als Ganzes weiterverarbeitet werden. Durch Extrusion lässt sich die Biomasse in eine faserige Textur überführen, die sich ideal als Grundlage für Fleisch- oder Fischanaloga eignet. Besonders ölhaltige Mikroorganismen bieten dabei ernährungsphysiologische Vorteile, da sie reich an ungesättigten Fettsäuren wie Omega-3 und Omega-6 sowie an B-Vitaminen sind. Diese Inhaltsstoffe tragen zu einer ausgewogenen Ernährung bei und machen die Produkte nicht nur geschmacklich, sondern auch gesundheitlich attraktiv.

Stamm- und Prozessentwicklung sowie Skalierung aus einer Hand

Das Fraunhofer IGB bietet modernste Methoden zur Stamm- und Fermentationsprozess-Entwicklung bis zur Skalierung und Pilotierung als integrierte All-in-One-Lösung an und unterstützt Unternehmen darüber hinaus beim Transfer in den industriellen Maßstab. Der erste Schritt, das Design passender Produktionsstämme für Milch- oder Fleischprotein, erfolgt dabei am Fraunhofer IGB in Straubing. Mittels modellgestützter Verfahren und Metabolic Engineering entstehen effiziente und maßgeschneiderte Hochleistungsproduktionsstämme für Ihre Produkte.

Für Anwendungen, bei denen der Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen (GMO) nicht gewünscht ist, bieten sich auch alternative Ansätze an. So können beispielsweise geeignete Wildtypen selektiert werden, die von Natur aus bereits über die gewünschten Eigenschaften verfügen und für die Produktion bestimmter Proteine genutzt werden können. Darüber hinaus existieren nicht-genetische Verfahren zur Optimierung von Mikroorganismen, wie zum Beispiel adaptive evolutionäre Selektion, gezielte Anpassung der Kulturbedingungen oder klassische Mutagenese. Diese Methoden ermöglichen es, die Leistungsfähigkeit und Ausbeute der Organismen gezielt zu verbessern, ohne auf gentechnische Veränderungen zurückzugreifen. So lässt sich die Proteinproduktion auch unter Berücksichtigung regulatorischer oder gesellschaftlicher Anforderungen erfolgreich gestalten.

Die protein‑ und polysaccharidreiche Zellmatrix der Ölhefen-Biomasse kann zu kompostierbaren Filmen/ Beschichtungen verarbeitet werden, beispielsweise für papierbasierte Verpackungen.

Dass diese Materialrouten funktionieren, zeigen hergestellte Gießfilme, Compoundierungen und Rolle‑zu‑Rolle‑Beschichtungen mit dokumentierten Barriere‑ und Mechanikwerten.

Leistungsangebot im Überblick

  • Screening von Ölhefen für verschiedene Anwendungen: Auswahl geeigneter Ölhefe‑Stämme je nach Ziel (Lipide, Biomasse für Materialien, Proteinfraktionen)
  • Substratscreening: Bewertung CO‑basierter Chemikalien und Abfallströme zur Eignung als Substrat für Ölhefen
  • Prozessentwicklung für Lipidfermentationen: Optimierung von Medium, pH‑/DO‑Regimen und Fütterungsstrategien zur Erzeugung definierter Fettsäureprofile
  • Elektro‑biologische Kopplung: Entwicklung von Elektrofermentationsprozessen über elektrochemische CO₂‑Reduktion
  • C1‑Roadmap für methanolische Routen: Konzeptentwicklung zur Nutzung von Methanol über synthetische Methylotrophie‑Module
  • Material- und Food‑Demonstratoren (optional): Entwicklung biobasierter Folien/Beschichtungen oder extrudierter Protein‑Prototypen aus Hefebiomasse

Zusammenarbeit

Üblicherweise starten wir mit einer Machbarkeits‑/Screening‑Phase, in der CO₂‑basierte Substrate (Ethanol, Formiat, Methanol) oder andere Restströme sowie die daraus erhaltenen Lipidprofile evaluiert werden. 

Es folgt die Bioprozessentwicklung (DoE‑gestützte Optimierung von Medium, pH/DO, Feed‑Strategien) und der Scale‑up (Ref. Leuna) mit Downstream Processing und Musterbereitstellung. 

Zusätzlich erfolgt eine Kostenabschätzung sowie die Betrachtung der Wirtschaftlichkeit, ggf. über unser Partnernetzwerk und in Abstimmung mit dem Kunden.  Abschließend unterstützen wir bei Bedarf den Technologietransfer, inkl. SOPs, Skalierungskriterien (z. B. OTR, P/V) und Begleitung zu Lohnherstellern.

Ausstattung

  • High‑Throughput‑Fermentation über BioLector XT zur parallelen Optimierung von Medien, Substraten und Prozessparametern unter realitätsnaher Belüftungs‑ und pH‑Dynamik
  • Analytik
    • HPLC für Substrat‑, Metabolit‑ und Prozessverfolgung
    • GC‑MS für Fettsäure‑ und Oxidationsanalytik
    • NMR für strukturelle Charakterisierung und Reinheitsprüfungen
  • Fluoreszenz‑ und Mikroskopiesysteme zur Quantifizierung und Visualisierung der Lipidakkumulation in Ölhefen

Unser Alleinstellungsmerkmal: Stamm- und Prozessentwicklung bis zur Skalierung aus einer Hand

Als Kunde und Partner profitieren Sie von der durchgängigen Umsetzung aus einer Hand: Von der Auswahl CO₂‑basierter Substrate über Stammentwicklung, Fermentationsdesign und Downstream Processing bis hin zu Scale‑up, Material‑ oder Food‑Demonstratoren kommt alles aus demselben interdisziplinären Team.

Diese integrierte Kette reicht bei ethanolischen CCU‑Zwischenprodukten nachweislich vom Labor bis in den 1-m³‑ und 10-m³‑Maßstab inklusive Separation, ATEX‑Extraktion, Destillation und Bereitstellung größerer Mustermengen, während andere Routen wie die elektro‑biologische Kopplung über Formiat und die synthetische Methylotrophie forschungs‑ und prototypengetrieben weiterentwickelt werden.

Dadurch treten wir als zentraler Ansprechpartner für das gesamte Anwendungsspektrum rund um Ölhefen auf und bündeln Fermentation, Elektro‑Bioprozesstechnik, C1‑Roadmaps, Materialwissenschaft, Lebensmitteltechnologie und Pilotierung unter einem Dach.

Skalierung und Pilotierung

Am Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse CBP, dem Institutsteil Leuna des Fraunhofer IGB, stehen verschiedene Pilotanlagen zur Skalierung biotechnologischer Prozesse in produktrelevante Dimensionen zur Verfügung. 

 

Damit können Prozessdaten für die Übertragung in den Industriemaßstab gewonnen und größere Mustermengen des Produkts für die Anwendungsforschung bereitgestellt werden.

Publikationen

  • Engineering of an Evolved Artificial Formolase Enzyme to Facilitate In Vivo Synthetic C1 Metabolism, ACS Sustainable Chemistry & Engineering, DOI: 10.1021/acssuschemeng.5c03359
  • Synthetic methylotrophic yeasts for the sustainable fuel and chemical production, Biotechnology for Biofuels and Bioproducts, DOI: 10.1186/s13068-022-02210-1
  • Design of a Synthetic Enzyme Cascade for the in vitro Fixation of a C1 Carbon Source to a Functional C4 Sugar, Green Chemistry, DOI: 10.1039/D1GC02226A
  • Synthetic Methylotrophy in Yeasts: Towards a Circular Bioeconomy, Trends in Biotechnology, DOI: 10.1016/j.tibtech.2020.08.008

Weitere Informationen

Methylotrophe Hefen für die industrielle Biotechnologie

 

Prozesskaskaden zur Synthese chemischer Produkte aus CO2 mit synthetisch methylotrophen Hefen als Produktionsstämmen